Postcolonial Studies: Inventur und Invention
| What | Social Event Work |
|---|---|
| When |
Dec 16, 2006 from 09:00 am to 05:30 pm |
| Where | München, DE |
| Contact Email | cordula.lemke |
| Add event to calendar |
|
Die Forschergruppe "Anfänge (in) der Moderne" an der Ludwig-Maximilians-Universität München lädt ein
Postcolonial Studies: Inventur und Invention
In seinem letzten Buch Freud and the Non-European (2003) schrieb Edward W.
Said darüber, wie die Archäologie als Wissenschaft der Anfangssuche ein
Inventar des Vergangenen anbietet, das oftmals in den Dienst aktueller
Machtansprüche, kultureller Landnahme und politischer Selbsterfindungen
gestellt wird. Dagegen setzte er Freuds archäologische Lektüre in Der Mann
Moses, die eine komplexe Konstellation freigelegt habe, in der jüdische
Identität nicht mit sich selbst, sondern mit anderen Identitäten anfange und
so dauerhaft an deren Vorgaben gebunden bleibe, dass sie sich politischer
Verfügungsmacht entzieht. Das Widerspiel von Selbst- und
Fremdbegründungsakten, von Bestandsaufnahme mit beständigem Bedarf an
Neuverhandlung, von Finden und Erfinden, Inventur und Invention, das sich an
diesem Beispiel u.a. zeigt, hat Said fast dreißig Jahre zuvor in Beginnings:
Intention and Method (1975) bereits auf der Ebene von Texten untersucht,
die, wie beispielsweise der Roman, die Intention des Anfangens zur eigenen
Methode machen. Hier zeige allerdings die Freud-Lektüre, dass der Anfang von
erklärten Gründungstexten wie der Traumdeutung diesen immer schon
vorausliegt und allenfalls durch nachträgliche Deutungs- und Umdeutungsakte
eingeholt werden kann: “A beginning intention, therefore, is in constant
need of reworking”.
Solch einem Prozess des Umarbeitens will dieser Workshop jetzt die
Postcolonial Studies unterziehen und danach fragen, was für Aussichten diese
spezielle Forschungsperspektive für weitere historische und kulturelle
Felder bieten könnte, die bislang eher nicht in ihrem Fokus standen. Seit
Saids viel zitierter Studie Orientalism (1978), die als Grün-dungstext der
Postcolonial Studies gilt, hat sich die Aufmerksamkeit zumeist auf die
Kulturen – vormals – kolonialer Länder gerichtet, um deren
Selbst-/Repräsentationen im Kontext widerstreitender Vorgaben und Vorbilder
zu erkunden. Dabei stand insbesondere das Inventar an diskursiven Formen,
Formeln und Klischees im Zentrum, mit denen imperiale Beobachter
traditionell ihre Fremderfahrungen beschrieben und die daher in kulturellen
Selbsterfindungsakten postkolonialer Autoren kritisch aufgegriffen oder
umgeschrieben, damit aber gleichwohl fortgeschrieben worden sind. Erst mit
den Arbeiten von Homi K. Bhabha hat sich in den '90er Jahren das
Forschungsinteresse auch der Postcolonial Studies zunehmend auf Figuren des
Dritten verschoben, auf Aushandlungen oder Artikulationen also, die zwischen
kulturellen Frontlinien stattfinden und dort einen Raum ausmessen, der nicht
länger maßgeblich durch inventarisierte Formen eines Überlieferten bestimmt
ist, sondern die Frage nach der Invention des Neuen neu zu stel-len erlaubt.
“How newness enters the world”: so hat Salman Rushdie diese Frage schon 1988
in The Satanic Verses formuliert, und Bhabha hat sie 1994 in The Location of
Culture im Sinn von kultureller Übersetzung aufgegriffen. Dieser Workshop
wird sie erneut stellen und auf die Wirksamkeit der Postcolonial Studies
richten: Wie und in welcher Hinsicht kön-nen wir von “postcolonial Europe”
sprechen? Was hieße es, Amerika in transnationaler Perspektive in den Blick
zu nehmen? Was für historische, was für transkulturelle Überset-zungen sind
sinnvoll? Wie wäre eine postkoloniale Altertumsforschung oder
Skandinavi-enforschung zu denken und was könnte sie leisten? Mit der
Inventur bestehender Konzepte lädt der Workshop also dazu ein, Inventionen
zu riskieren und auf diese Weise zu erkunden, was sich mit Postcolonial
Studies heute anfangen lässt.
Anmeldung unter:
cordula.lemke@anglistik.uni-muenchen.de
More information about this event…


