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ÜberLeben im Jahr der Geisteswissenschaften

What Lecture
When Apr 12, 2007
from 06:00 pm to 08:00 pm
Where Berlin, DE
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by Martin Bachwerk last modified Apr 10, 2007 10:52 AM

Kurzvortrag, Lesung und Podiumsdiskussion. Lesung der Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar. Kurzvortrag zur Programmschrift von Ottmar Ette (Universität Potsdam): »Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft« Podiumsdiskussion mit Wolfgang Asholt (Herausgeber von Lendemains), Ottmar Ette (Universität Potsdam), Christoph Menke (Universität Potsdam) und Ansgar Nünning (Universität Gießen).

Eine Wissenschaft, die ihr Wissen nicht in die Gesellschaft schafft, mißachtet ihre gesellschaftliche Bringschuld und ist am Ende mit schuld, wenn die Gesellschaft sie um ihre Mittel bringt. Was also leisten die Philologien, was leisten die Geisteswissenschaften innerhalb der sich rasch umgestaltenden Wissenslandschaft von Kultur- und Naturwissenschaften? Welche Antworten lassen sich auf die Frage nach dem Nutzen und Nachteil der Philologien für das Leben finden? Die Frage mag unzeitgemäß scheinen, ist - mit Nietzsche zu sprechen - aber eben deshalb zeitbezogen und belebend. Es geht um die Entfaltung einer geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung, die die Lebenswissenschaften nicht auf eine biotechnologisch-medizinische Dimension reduziert sehen will, sondern an das breite Spektrum von gr. bios anknüpft, um selbstbewußt - mit Erich Auerbach - die Frage nach dem eigenen Beitrag zum Lebensreichtum zu stellen.

Der Kampf gegen eine vielerorts vorherrschende wissenschaftliche Reduktion des Lebensbegriffs zielt auf eine wechselseitige Komplementarität der Two Cultures (C.P. Snow), deren Trennung längst Schnee von gestern ist. Dazu aber müssen die Philologien noch manche Hausaufgaben machen. Die Literatur ist "immer allem anderen voraus" (Barthes) und entwirft in kultureller Vielfalt ein Lebenswissen und ÜberLebenswissen, das Antworten auf die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts gibt: »Wie wollen wir zusammenleben?« Nehmen die Philologien mutig diese Herausforderung an, so eröffnet sich ihnen ein weitgehend neues Betätigungsfeld und ein neues Selbstverständnis. Weder eine lebensphilosophische Kompensationsleistung noch eine reparaturwissenschaftliche Dienstleistung sind damit gemeint. Es geht vielmehr um eine transdisziplinär angelegte Entfaltung von Lebenswissen im Sinne einer komplexen Rückkoppelung von Leben und Wissen: ein Wissen vom Leben und ÜberLeben, ein Wissen zum Leben und als Bestandteil des Lebens, ein Wissen des Lebens von sich selbst. Die experimentelle Erprobung von Lebenspraktiken und Lebensräumen, von Lebensformen und Lebensnormen in der Literatur bringt ein ZusammenLebenswissen hervor, das in seiner dynamischen Modellierbarkeit für unsere Gesellschaften überlebensnotwendig ist.

Die Zukunft der menschlichen Natur - und damit eines menschlichen und menschenwürdigen Lebens - darf im Sinne von Jürgen Habermas in ihrer Gestaltung nicht allein "Biowissenschaftlern und Science-Fiction-begeisterten Ingenieuren" überlassen bleiben. Zum Verständnis von Leben als Netzwerkstruktur in hochrückgekoppelten Multiparametersystemen (Friedrich Cramer) haben die Philologien viel beizutragen: nicht zuletzt auch mit Blick auf das Zusammenleben verschiedenster Kulturen in multi-, inter- und transkulturellen Zusammenhängen. Die Suche nach dem Ort des Menschen im Universum gehörte stets zum genuinen Aufgabengebiet der Philologien. Es gilt, heute auch die prospektive Dimension von Literatur als Erlebenswissen zu nutzen, um komplementär zu vorrangig am »bloßen Leben« ausgerichteten Disziplinen vollgültige Lebenswissenschaften zu entwickeln. Literaturwissenschaft ist eine Lebenswissenschaft.

Ette, Ottmar: Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft. In: Lendemains (Tübingen) 125 (2007).

Literaturhinweis: ders.: ÜberLebenswissen. Die Aufgabe der Philologie. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2004; ZwischenWeltenSchreiben. Literaturen ohne festen Wohnsitz. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2005.

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