Kurzbeschreibung B
Projektbereich B: Kommunikationskulturen. Politiken der Sichtbarkeit
Michel Foucault zufolge geht es der modernen Macht, die nicht länger ihr Bild in einem zweiten Körper des Königs findet, "immer um den Körper – um den Körper und seine Kräfte, um deren Nützlichkeit und Gelehrigkeit, um deren Anordnung und Unterwerfung". Foucault spricht in diesem Zusammenhang auch von einer "Mikrophysik der Macht", die der Tatsache Rechnung tragen soll, dass die moderne Macht nicht länger wesentlich in Kategorien des Eigentums und der Aneignung analysiert werden kann, weil sie ihre Wirkungen durch Dispositive, Manöver, Techniken und Funktionsweisen, also durch den Einsatz einer komplexen medialen Apparatur erzielt, die politische Herrschaft nicht so sehr über Unterwerfungs- als vielmehr über Adressierungsprozesse auszuüben gestattet.
Mit der Problematik der Politiken der Sichtbarkeit schließt das Forschungskolleg daher in systematischer Hinsicht an die in der zweiten Förderphase entfalteten Paradoxien der medialen Adressierung unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft an, also an die Frage, wie kommunikativer Erfolg unter Bedingungen maximaler Wissens- und Adressendiversifikation unter den gegenwärtigen medialen Rahmenbedingungen überhaupt (noch) möglich ist. In dem Maße, in dem die Kommunikations-Medien sich dauerhaft auf eine hohe "Fluktuation von Kollektivbindungen" einzustellen haben und die normative Integration der Gesellschaft durch 'anomische' Tendenzen unterlaufen werden, die aus ihrer eigenen Reproduktion hervorgehen, wird die dann noch mögliche und nötige Massenkommunikation keinen Anhalt mehr in präformierten, stabilen sozialen Adressen finden. Der im Forschungskolleg verwendete Adressierungsbegriff meint daher keineswegs bloß die faktische, empirische Adressabilität bzw. Erreichbarkeit, sondern zielt vor allem auf die Modi der medialen Adressenkonstruktion sowie auf die medialen Taktiken der Umadressierung, also der Erzeugung und Transformation von Subjekt- oder Äußerungspositionen.
Ihre spezifische Wirksamkeit entfalten (Mikro-) Politiken der Sichtbarkeit in einem Bereich zwischen den "großen Funktionseinheiten [Staaten, Bürokratien] und den Körpern mit ihrer Materialität und ihren Kräften". Politik wird im Projektbereich B also nicht als organisierte, im Staat verkörperte Handlungsmacht begriffen, sondern als kommunikative Technik der individuellen Aufmerksamkeitssteuerung und Verhaltenskontrolle (durch mediale Adressierung) und damit als eine wesentlich informelle Dimension, die etwa wirkungsmächtige Unterscheidungen des neuzeitlichen öffentlichen Rechts wie die von Regierenden und Regierten unterläuft. Die im B-Bereich angesiedelten Projekte sind zum einen an der Beschreibung und Entzifferung bestimmter kultureller Markierungen interessiert, durch die sich eine politische Ordnung mit ihren Brüchen und Friktionen reproduziert; andererseits beschränken sie sich nicht allein auf die Rekonstruktion mikropolitischer Repräsentationssysteme, sondern loten Möglichkeiten des transformierenden Eingriffs in solche Systeme aus. Wenn es stimmt, dass es Wissen keineswegs nur dort gibt, wo die Machtverhältnisse suspendiert sind, und dass das Wissen sich niemals außerhalb der Befehle, Anforderungen und Interessen der Macht entwickeln kann, wird ein Analysetyp um so wichtiger, der sich mit den zahlreichen Konfrontationspunkten, Bruchlinien und Unruheherden beschäftigt, die die Macht/Wissen-Komplexe bestimmen. Die Projekte beschränken sich daher nicht darauf, auf der Ebene der Individuen, der Körper, ihrer Verhaltensweisen und Gesten die allgemeine Form eines Gesetzes oder der politischen Herrschaft wiederzufinden. Eher geht es darum, epistemische und ästhetische Politiken zu beobachten, die 'Störungen' innerhalb neuer medial generierter Macht/Wissen-Komplexe sichtbar zu machen erlauben; die Aspekte individuellen Verhaltens durch systematische Variation bestimmter kultureller Einschreibungen experimentell so zu modellieren versprechen, dass Kommunikationskonflikte und deren politische Auswirkungen bearbeitbar werden.


