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Kurzbeschreibung C

by marre last modified Aug 09, 2006 11:30 AM

Projektbereich C: Mediendiskurse. Beobachter-Instituierung

Dem C-Bereich liegt insgesamt die These zugrunde, dass alle Medien in bestimmten diskursiven Räumen operieren, die ihre kulturellen Formen und Funktionen festlegen. Wie Rosalind Krauss am Beispiel der Fotografie gezeigt hat, kann man die Geschichte dieses Mediums auf eine Weise 'beobachten' und erzählen, dass es als ein legitimes Kind westlicher piktorialer Traditionen erscheint, um auf diese Weise sicherzustellen, dass die Kategorien des ästhetischen Diskurses auf ein völlig neues visuelles Archiv anwendbar werden. Es ist also keineswegs so, dass Medien stets von sich aus ein – angemessenes oder wirksames – Wissen über das erzeugen, was sie sind und können. Im Regelfall sind Mediendiskurse – trotz der Suggestion ihres Titels – nicht durch eine quasi-intime Beziehung zu ihrem Gegenstand gekennzeichnet. Sie unterziehen ihn vielmehr einer systematischen Problematisierung, die Fragen an ihn heranträgt, die ihm durchaus äußerlich sind, aber über die Kraft verfügen, das kulturelle Feld zu modifizieren, in das er eingebettet ist, und seine dispositive Struktur – den soziokulturellen Normalfall seiner Nutzung – festlegen. Mediendiskurse sind also in diesem Sinne nicht bloße Reflexionstheorien, insofern sich die Medien keineswegs einfach in ihnen 'spiegeln'. Sie werden vielmehr in ihrer konkreten Operationsweise von ihnen mitkonstituiert. Der Gegenstand der Diskurspraktiken ist sich selbst nicht präexistent, Diskurse bilden die Dinge, indem sie über sie sprechen. Problematisierungen ergeben sich also keineswegs zwangsläufig aus der bloßen Existenz bestimmter Erscheinungen und Prozesse: Sie setzen eine Diagnose der Störung voraus, sie nehmen Evidenz für die Beobachtung in Anspruch, dass etwas nicht so läuft, wie man es erwartet, dass also Änderungs- oder Handlungsbedarf besteht, der nur zu befriedigen ist, wenn die im Netzwerk der konstituierten Handlungsmacht bislang vorgesehenen Beobachterpositionen systematisch um 'legitime' Beobachter erweitert werden.

Die Konstruktion von Diskursen der Problematisierung verweist daher nicht nur auf einen bestimmten 'Willen zum Wissen', sondern auf bestimmte Optionen oder Strategien der Regulierung, die dieses Wissen 'begründen' soll. Diskurspraktiken sind nicht nur durch die Abgrenzung eines bestimmten Objektbereichs und die Festlegung von Normen für die Entwicklung von Begriffen und Theorien gekennzeichnet, sondern vor allem auch durch die Definition einer für das Erkenntnis- oder Beobachtersubjekt legitimen Perspektive, die in ihrer spezifischen Ausprägung durch eine bestimmte Sorge im Hinblick auf die Existenz oder Wirkungsweise bestimmter, als pathologisch gewerteter Erscheinungen oder Verhaltensweisen geprägt ist. Mediendiskurse sind also keine freischwebenden 'Selbstbeschreibungen' der Medien, sondern zunächst einmal – ihrer Genese und ihrem institutionellen Ort entsprechend – das Ergebnis von Sondierungen, die neues Wissen (möglicherweise mit Techniken der Datenerhebung kombiniert) über ihren Gegenstand erzeugen (oder ein im Umgang mit älteren Medien entwickeltes Wissen für neue medienkulturelle Konfigurationen respezifizieren), um ihn auf diese Weise in bestimmte Regulierungsapparate zu integrieren. Diskurspraktiken "sind keine bloßen Formen der Herstellung von Diskursen. Sie nehmen Gestalt an in technischen Komplexen, in Verhaltensmustern, in Vermittlungs- und Verbreitungsformen, in pädagogischen Formen, die sie aufzwingen und aufrechterhalten". Mediendiskurse sind daher integraler Bestandteil eines über die technischen Apparate weit hinausreichenden Netzwerkes, in dem die spezifische mediale agency erzeugt wird, die man – insbesondere in Phasen spektakulärer Medienumbrüche – allzu vorschnell aus der technischen Infrastruktur einer neuen medienkulturellen Konstellation ableitet. Die Diskurspraktiken verdanken ihre Evidenz nicht so sehr der Qualität ihres Wissens – häufig liegen sie quer zu einzelnen Fachgebieten und Wissenschaften – als vielmehr ihrer Fähigkeit zur Problematisierung von Gegenständen sowie der Instituierung von neuen Äußerungsmodalitäten und den mit ihnen verbundenen Beobachter- oder Subjektpositionen.

Diskurspraktiken, wie sie im Projektbereich C untersucht werden, sind also keine supplementären semantischen Operationen, die zu dem, was Medien 'von sich aus' sind, hinzukommen und daher im Prinzip auch fehlen könnten. Die technische Infrastruktur medienkultureller Konstellationen setzt zweifellos den Einsatz (und das Wissen) von Ingenieuren voraus, die jedoch nur einen kleinen, wenn auch unverzichtbaren Teil der Netzwerkaktivität planen und kontrollieren können. Die Mediendiskursivität reicht viel weiter als das in Medien investierte technische Wissen. Netzwerke als Ganze werden nicht entworfen und lassen sich auch nicht überschauen, sie entwerfen sich selbst, was nur eine andere Umschreibung für die Mitwirkung einer Vielzahl von Beobachtern am Zustandekommen und an der Aufrechterhaltung, der Weiterentwicklung und daher auch der Störung von medienkulturellen Netzwerken ist. Wir sprechen daher im Projektbereich C ganz bewusst von Beobachter-Instituierung und nicht von der Instituierung des Beobachters. Wir tun dies deshalb, um deutlich zu machen, dass der Charakter der analysierten Mediendiskursivität darin besteht, die überhaupt möglichen Beobachtungen danach zu unterscheiden, ob von ihnen dauerhafte strukturelle Wirkungen auf die weitere Netzwerkaktivität ausgehen oder ob es sich lediglich um spurlos vergehende, ihrerseits also nicht weiter vernetzte und in diesem Sinne: isolierte Beobachtungen handelt. Die Analyse der Beobachter-Instituierungen dringt also zu jenen Praktiken vor, die einen spezifischen Willen zum Wissen (Nietzsche/Foucault) erzeugen und legt auf diese Weise den unvermeidlichen Konflikt zwischen den verschiedenen Orten oder Zentren der Beobachtung und Wissensgewinnung sowie der mit ihnen verbundenen politischen Strategien offen. Von einer Instituierung – im Unterschied zur Institutionalisierung – sprechen wir, weil die Teilprojekte des C-Bereichs Untersuchungen zu den Entstehungsherden und Transformationsprozessen bestimmter Beobachterverhältnisse vornehmen, also sich gerade für jene historischen Zeiträume und Umbruchsituationen interessieren, in denen innerhalb eines vermeintlich konsolidierten Netzwerkes medienkulturelle Verschiebungen stattfinden, die an die Durchsetzung neuer Problematisierungsweisen existierender Praktiken gebunden sind.

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